Zurück zum normalen Leben

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin kein Handy-Gegner! Wenn man so lange wie ich als Fotoreporter unterwegs ist, hat man drahtloses Telefonieren von der Pike auf zu schätzen gelernt: Erst war es das fest im Fahrzeug eingebaute C-Netz mit riesigem Telefonhörer auf der Mittelkonsole und einem im Kofferraum verbauten Technik-Aggregat. Das Arme-Leute-Telefon war das "Eurosignal", das einen piepsend aufforderte, sofort eine Telefon- zelle aufzusuchen und die blinkende von 4 möglichen Absender-Nummern anzurufen. Dann kam das sog. "Porty", das man sich umhängte wie eine Handtasche - besonders beliebt bei Fotografen, die jetzt zusätzliches Gepäck zu schultern hatten. Schließlich das erste "echte" Handy, z.B. das gute alte NOKIA 3210 - robust, funktional, ausreichend. Heute aber, wo bereits Schulkinder mehr Apps auf ihren Smartphone-Displays haben als Utensilien im Schreibmäppchen, empfinden immer mehr Menschen die permanente Erreichbarkeit zunehmend als Belastung und damit Wegbereiter für das moderne Syndrom Burnout.

 

 


  Wissenschaftler ahnen längst die Kehrseiten moderner Massenkommunikationsmittel, die mit immer mehr - meist völlig unnötigen - Zusatz-Applikationen das Leben einfacher, komfortabler zu machen vorgaukeln. Längst reicht ein normales Display nicht mehr aus, um die zahllosen Apps optisch darzustellen - man muss schon im Vorfeld scrollen, um das entsprechende Hilfsprogrämmchen aufzurufen. Oder sich ein größeres Display gönnen, um das Foto einer Currywurst, die der Facebook-Freund gerade vertilgen will, auch entsprechend beurteilen und sofort kommentieren zu können...!
Aber es gibt sie noch, die Kommunikation ganz ohne Elektronik, also "face-to-face", so richtig mit Stimme und Mimik und so - eben live. Oder darf man schon behaupten, es gibt sie wieder...? Weil sich die modernen Menschen womöglich danach zurück sehnen und derlei reale Treffpunkte wie Kneipen wieder an Attraktivität gewinnen?
Man hat mich in ein Lokal, eine klassische "Wirtschaft" südlich meiner Wahlheimat Schwäbische Alb entführt: Der LÖWEN in Herbertingen wurde jüngst nach zehnjährigem Dornröschenschlaf wieder zum Leben erweckt. Von einer engagierten Familie, die in der alten Gaststube nichts anderes macht, als was man dort schon immer gemacht hat: Einen Raum zu bieten für Meschen, die sich treffen wollen, um zu kommunizieren! Vielleicht eine Kleinigkeit zu essen dabei und zu trinken natürlich, aber in erster Linie zum Stelldichein mit alten Weggefährten, aber auch mit neuen Gesichtern - Zugezogenen, Durchreisenden, Fremden, die schon bald keine Fremden mehr sind.

Als wir die Gaststube betreten, die erste Überraschung: Kaum ein Platz an den alten Holztischen ist mehr frei...! Männlein wie Weiblein, Junge und Ältere, und alle sind gut drauf, haben's wichtig, erzählen und lachen. Niemand langweilt sich - und niemand braucht ein Smartphone! Wir sind zu fünft und haben uns einzeln an einen Tisch gedrückt, nicht als Gruppe, sondern eben dort, wo man uns ein Plätzchen freigerückt hat. Man duzt sich, hört zu und nimmt teil am Gespräch - du bist okay, ich bin okay... 

Es dauert nicht lange, und auch die letzten Plätze sind belegt, weshalb sich jetzt auch das kleine Nebenzimmer füllt, in dem Roger dann und wann in die Klaviertasten greift. Der allgemeine Geräuschpegel nimmt zu, und immer wieder geht die alte Holztür auf, und noch mehr Menschen quellen in die gemütliche Gaststube. Lange vor Mitternacht gibt es nun längst keine Sitzplätze mehr, was von niemandem bemängelt wird - man steht in Grüppchen zusammen, erzählt, hört zu, lacht und ist einfach gut drauf. Einer hat plötzlich eine Ukulele ind der Hand und gibt ein Ständchen, manche singen mit, andere sind so in Gespräche vertieft, dass sie in der hinteren Ecke gar nichts davon mitbekommen.
Markus, der Wirt, und seine beiden Töchter drücken sich durch die schnatternde Menge und bringen Nachschub an Getränken, die von der Gattin = Mutter am Tresen bereitgestellt werden. Notitzblock oder gar elektronische Bestell-Aufnahme? Fehlanzeige! Jeder wird doch wohl wissen, was er im Laufe des Abends gegessen und getrunken hat - es bedarf keiner Kontrolle, hier wird nicht beschissen. Und falls doch einmal einer ein Schnäpsle vergessen hat, dann geht das eben auf's Haus, auch okay!
Leben und leben lassen, die wohl wichtigste Grundregel des Lebens in der Gemeinschaft, das wird hier in der neuen alten Dorfkneipe leibhaftig praktiziert und vorgelebt. Auch für die jüngere Generation, die sich zu vorgerückter Stunde in Grüppchen einfindet und sich inzwischen auch auf dem Flur an Stehtischen wohlfühlt. Es ist Freitag, da hat man frei. Da trifft man sich, um sich auszutauschen - mündlich, live, ganz real. Und wenn's besonders nett ist, dann darf man sich auch mal in die Arme nehmen und drücken. Und dafür wird es definitiv niemals eine App geben...!