Interview mit Edzard Reuter

Im Dialog: Ex Daimler Vorstand Edzard Reuter

Interview und Fotos: Bernhard Bürkle

 

Edzard Reuter, einer der erfolgreichsten Manager unserer Zeit, wohnt unter anderem nahe der DAIMLER Konzernzentrale im Stuttgarter Stadtteil Birkach-Schönberg, jener Region im Süden der Landes­hauptstadt also, welche die meisten örtlichen Millionäre als Wohnsitz bevorzugen. Wir jedoch besuchten den nach wie vor umtriebigen Nicht-Ruheständler am Bodensee, wo der ehemalige Konzernlenker seit vielen Jahren seine knappe Freizeit verbringt.


Edzard Reuter, einer der erfolgreichsten Manager unserer Zeit, wohnt unter anderem nahe der DAIMLER Konzernzentrale im Stuttgarter Stadtteil Birkach-Schönberg, jener Region im Süden der Landes­hauptstadt also, welche die meisten örtlichen Millionäre als Wohnsitz bevorzugen. Wir jedoch besuchten den nach wie vor umtriebigen Nicht-Ruheständler am Bodensee, wo der ehemalige Konzernlenker seit vielen Jahren seine knappe Freizeit verbringt.

 

   Überpünktlich, eine Minute vor dem vereinbarten Termin, rollt das gediegene Cabriolet mit dem Stern auf den Parkplatz am Hafen von Wallhausen. Mit federnden Schritten, zügig und zielbewusst, aber gleichzeitig völlig entspannt kommt er auf mich zu und strahlt: Edzard Reuter, mein ehemaliger „oberster Dienstherr“ im Hause Daimler-Benz, damals einer der einflussreichsten Manager Deutschlands. 1987 war der Sohn des ersten Regierenden Bürgermeisters von Berlin in den Vorstand des Konzerns berufen worden, unter seiner Führung wurde das Konzept eines „integrierten Technologiekonzerns“ eingeführt, unter anderem mit der Neugründung der Deutschen Aerospace AG. 

   Keine Frage, dem Mann geht es blendend, in jeder Beziehung. Ob das am Bodensee liege, will ich gleich zu Beginn wissen, dass er trotz der eher bescheidenen Witterung so gut gelaunt daherkommt. „Ja natürlich, Sie haben gleich erraten, weshalb ich seit Jahrzehnten hierher komme?“ Aha, Witz, Charme und ein Kompliment, wie aus der Pistole geschossen, ohne jede Verzögerung – und dabei strahlen die hellwachen Augen immer noch wie damals, als er mitreißende Reden hielt bei Aktionärsversammlungen oder vor Wirtschaftsgrößen. Vor gut drei Jahren hatte mich diese Spontaneität, dieser offene, wache Blick schon fasziniert, als Edzard Reuter vor kleinem Publikum im „Schönbergverein“ seines Hauptwohnsitzes südlich von Stuttgart über seine Zeit in der Türkei erzählte.

   Heute allerdings trägt er – leider – eine Sonnenbrille, aber es soll ja auch kein öffentlicher Auftritt werden, wenn er mit dem SPEISEMEISTER über das Jetzt und Heute plaudert. Wie er denn die Phase danach empfunden habe, will ich wissen, als er im Alter von 67 Jahren seinen Platz als Vorstands-Vorsitzender räumte und in den sogenannten „Ruhestand“ ging. Da schmunzelt er wie erwartet, denn einer wie er kennt natürlich keinen Ruhestand im herkömmlichen Sinne. „Es ist ja nicht so, dass ich ausschließlich im und für den Konzern tätig war, ich war ja immer schon in einer Reihe von anderen Gremien engagiert und hatte insofern natürlich auch weiterhin viel zu tun! Insofern war das für mich kein wirklicher Bruch, sondern allenfalls eine eher behutsame Umstellung in meinem Leben. Vielmehr empfand ich es fast als Geschenk, nun für all die anderen Aufgaben und Interessen endlich mehr Zeit zu haben.“ Zur Verdeutlichung: Edzard Reuter gehörte mehreren Aufsichtsräten im In- und Ausland an und war Senatsmitglied der Max-Planck-Gesellschaft, hatte mit seiner Frau die Helga und Edzard Reuter-Stiftung für die Integration zugewanderter Menschen gegründet und leitete eine ganzen Blumenstrauß wichtiger kultureller Einrichtungen.

 

   Etwas nachdenklich erzählt er weiter: „Vor allem aber fiel eine große Belastung von mir ab, nämlich diese gewaltige Verantwortung für ein riesiges Unternehmen. Wir mussten Anfang der 90er Jahre weltweit nahezu 50.000 Stellen abbauen. Damit trafen wir Menschen, deren Schicksal im weitesten Sinne von unseren Entscheidungen abhing. So etwas lastet natürlich schwer auf dem Gewissen.“ Da ich damals selbst zu diesen Menschen gehörte, berührt mich diese Aussage ganz persönlich, sie hat fast etwas Väterliches. Bei der Schilderung der damaligen Entwicklungen „seines“ Konzerns wird Edzard Reuter nun doch emotional, wenn er sich erinnert, dass er das Unternehmen verließ in einer großen Umbruchphase, die er eingeleitet, mit seinen Kollegen im Vorstand gemeinsam vorangetrieben und mit einhelliger Unterstützung des Aufsichtsrats umgesetzt hatte. Der Technologiekonzern war zwar „sein Baby“, aber bei seinem Ausscheiden sei er sicher gewesen, dass seine Mannschaft alles in diesem Sinne weiterführen würde. Doch dem war nicht so: „ Bald darauf wurde unser mühsam erarbeitetes Konzept aus alleiniger Rücksicht auf kurzfristige Aktionärsinteressen wieder zerpflückt, regelrecht zerlegt. Das war wie ein Abriss, der Rückbau eines großen Gebäudes. Und ich konnte es nicht aufhalten, denn ich saß nicht einmal mehr im Aufsichtsrat – dessen Vorsitz mir zuvor ausdrücklich angedient worden war!“ Edzard Reuter berühren diese Vorgänge noch heute – eher gelassen zwar, aber ich merke, wie doch ein gewisser Groll in ihm lebendig geblieben ist, resultierend aus der Enttäuschung über nicht eingehaltene Absprachen. Das hätte man einem Mann, dem Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit zu den wichtigsten Maximen des Lebens zählen, besser nicht antun sollen.

 

 

   Doch das ist Vergangenheit. Wir sitzen vor der Hafenkneipe am See, schauen auf die dümpelnden Boote vor der Kulisse von Überlingen, die jetzt dann und wann doch von der Sonne gestreift wird. Da ziehe ich meine nächste Frage vor, ob ihm denn der Bodensee – gerade in jener Lebensphase – womöglich geholfen habe, das alles besser zu verarbeiten. Volltreffer! Ja freilich, strahlt er, und sekündlich wird der Mann, der mir eben noch wie mit Anzug und Krawatte gegenüber saß, wieder zum Urlauber! „ Der Bodensee“, sagt er, „ist für mich schon seit vielen, seit gut 35 Jahren, Kraftquelle und Ruhepol. Schon seit 1985 haben wir eine Wohnung in Litzelstetten und ein Boot hier in Wallhausen. Zusammen mit einer fabelhaften Crew habe ich in diesen Jahren unzählige Regatten gesegelt, nicht auf professionellem Niveau, aber doch immer mit sportlichem Ehrgeiz und mit Spaß.“ Und was außer dem Wassersport gefällt Ihnen hier? „Ja nun,“ holt mein Gesprächspartner aus, „da ist zunächst natürlich diese herrliche Landschaft: ausgewogen, idyllisch und harmonisch: das allein schon ist der reinste Seelen-Balsam. Hinzu kommt die Einbettung in eine jahrhundertealte Kultur, wovon ich schon immer regelrecht zehren und Kraft schöpfen konnte für die kommenden Aufgaben. Die Werte, die sich hier erhalten haben und hoffentlich auch erhalten weiter werden, sind ganz einfach unbezahlbar.“

 

   Und es seien nicht zuletzt auch die Menschen hier, sagt der vielgereiste Menschenfreund Edzard Reuter, die ihm gut tun. „Sie sind verlässlich. Hier gilt das gesprochene Wort, ein Handschlag ist unter Umständen mehr wert als eine notarielle Urkunde!“ Wow, was für eine Aussage, ist das wirklich so? „Ja, das ist meine jahrelange Erfahrung hier in der Region! Man braucht vielleicht etwas länger, bis man miteinander warm wird, aber dann sind sie absolut zuverlässig, und das ist einfach wohltuend!“ Höre ich da wieder einen Zusammenhang zur harten, kalten und manchmal eben nicht so ganz verlässlichen Welt des Managers, schwingt da wieder die Erinnerung mit an nicht eingehaltene Zusagen in den großen Schaltzentralen? Womöglich kann einer wie Edzard Reuter, der schon so viel gesehen und erlebt hat in der „Großen Welt“, diese Region und ihre Menschen ganz besonders wertschätzen.

 

 

   Was denn das Geheimnis seiner Agilität und Ausgeglichenheit sei, will ich wissen, sein Rat für das Leben nach der Arbeit. „Nun, das ist bei mir vielleicht nicht wirklich vergleichbar mit den vielen Menschen, die das Unglück haben, nur für den Beruf gelebt zu haben. Meine Frau Helga und ich hatten schon immer sehr viele gemeinsame Interessen und Vorlieben, die wir geteilt haben: Oper, Theater, Literatur, die bildenden Künste Und wir waren schon immer viel unterwegs, haben uns nie irgendwo eingeigelt. Ich selbst habe noch eine kleine Wohnung in Berlin, wo ich unverändert zu tun habe und das enorme kulturelle Angebot dieser faszinierenden Stadt, die meine eigentliche Heimat ist, genießen kann. Im Winter sind wir gern gemeinsam zum Skifahren in den Alpen. Ja, und eben Konstanz und der Bodensee. Mein Lebensmittelpunkt ist zwar nach wie vor Stuttgart, aber der See ist ja zum Glück immer schnell erreichbar…!